FRANZ XAVER BAIER

Erected Space

ZUR ÄSTHETIK DES LEBENSRAUMES

Wir sind heute immer noch gewohnt, von "dem Raum" zu sprechen. Und dann in einer Weise, als wäre er ein Behältnis und der Mensch ein Körperding darin. Daß Raum nicht unabhängig ist von Dingen und Orten, ist einigermaßen bekannt. Albert Einstein hatte etwa gesagt, daß dem "Raum-Begriff" der "Ort-Begriff" vorausgeht und daß also Raum eine Art "Ordnung körperlicher Objekte sei und nichts als eine Art Ordnung körperlicher Objekte". 1 Er ließ dabei allerdings unbeantwortet wie diese Orte und diese Ordnung zustande kommen.

Eine Antwort hierauf haben u. a. die phänomenologischen und sprach-philosophischen Untersuchungen von Heidegger, Sartre und Wittgenstein gegeben. Sie füllen das Raumproblem mit Leben und zeigen, daß zu Raum so etwas wie "Welt" und "Existenz" gehört und daß sich erst dadurch für uns Menschen Raum ergibt. 2 Es gibt eben keine reinen Beziehungen, sondern wir sind mittendrin in den Beziehungen, weil wir, wie Sartre sagt, die Beziehungen selbst sind. 3 Distanz und Nähe etwa sind qualitative Größen und wir sind die Wesen, die durch die Möglichkeit des "Ent-fernens" so etwas wie Distanz oder Nähe zwischen alles bringen können. Deshalb ist Raum "weder im Subjekt, noch ist die Welt im Raum". Vielmehr ist der Raum "in der Welt" als einer von uns ausgearbeiteten, gelebten und zu "besorgenden" Sinnkonstruktion. 4 Raum entsteht durch existentielle Beziehungen. Durch diese entsteht Bedeutung und Zuordnung von Dingen, Orten, Grenzen und Qualitäten. Und Da-sein bedeutet "da auf diesem Stuhl", "da an diesem Tisch", "da auf dem Gipfel dieses Berges, mit diesen Dimensionen, dieser Orientierung usw." Von diesem gelebten "Da-sein" aus gibt es "die Welt". 5 Von da aus liegt dem Kölner Künstler innerhalb seiner Räumlichkeit New York näher als Wuppertal und die Kunstwerke näher als sein eigener Körper.

I. Lebensraum als gelebter Raum

Raum ist ein Existential des Menschen. Wir kommen nicht irgendwie in Raum und Zeit vor, sondern wir sind selbst räumlich und zeitlich. Wir existieren räumlich wie zeitlich. Das ist eine fundamentale, unsere gesamte Existenz betreffende Tatsache. Wir müssen also Sein und Zeit und Raum durch unsere Existenz leisten. Wir müssen uns zeitigen wie räumlichen. Das ist der radikale Sinn von Wirklichkeit. Dabei sind Mensch und Raum unauflösbar miteinander verknüpft. Raum ist kein Gegenüber für den Menschen. Er ist weder ein äußerer Gegenstand noch ein inneres Erlebnis. Es gibt nicht die Menschen und außerdem Raum. Bernhard Waldenfels sagt: "Raum ist niemals bloß formaler Bestandteil eines praktischen Projekts oder eines theoretischen Objekts, sondern er gehört zu dem Fundus der Befindlichkeit, aus dem wir ständig schöpfen". 6

Heidegger und Sartre haben ausführlich dargelegt, daß unser Dasein schon "weit draußen" anfängt und nicht deckungsgleich mit unserem Körper ist. Unser Körper befindet sich in unserem Dasein und nicht umgekehrt. Und als dieses Dasein sind wir selbst räumlich und zeitlich. Und nur deshalb können wir uns durch den Raum bewegen, uns irgendwo einrichten und Zusammenhänge sinnlich wahrnehmen. Diese räumlich-zeitliche Verfassung, die wir selbst sind, ist unser größerer Leib. Nur weil wir also räumlich schon immer über unsere Körpergrenzen hinaus sind, können wir etwas in der Ferne sehen und hören. Und nur weil wir schon immer in der vollen Wirklichkeit drin stecken, können wir spüren, empfinden und uns - auch ohne Worte - mitteilen. Dabei sind wir jeweils bei den wahrgenommenen Sachen selbst. Von daher ist klar, daß unser Körper sowie unsere sogenannten "Sinnesorgane" von dieser raum-zeitlichen Öffnung getragen werden. Die Öffnung als Offenständigkeit, Weltoffenheit oder "Weltkessel" 7 wie Sloterdijk sagt, ist das unsichtbare Haus, in dem wir wohnen und das sich permanent verändert, das je nach unseren Lebensverhältnissen enger oder weiter wird, intensiver oder flacher.

Hören, Sehen, Tasten

Unsere Haut ist also nicht a priori der Ort, an dem die Welt beginnt und das Selbst endet. Haut als Abschluß und Grenze zwischen Innen und Außen entsteht nur, wenn wir unseren Körper isolieren und zum Objekt machen. Das heißt, wenn wir ihn wie ein Ding behandeln und Lebensvernetzungen abschneiden. Das Ergebnis ist der Mensch als Puppe ohne eigenes Gesicht, ohne eigene Welt. Dementsprechend entsteht das Verlangen nach Techniken, die Haut und Körper aufreißen, ausdehnen und durchlässig machen, so daß sich Innen und Außen wieder auflösen. Dazu können wir sagen, daß wir schon immer über unsere körperliche Grenze hinaus existieren und uns also jenseits unserer körperlichen Grenze aufhalten. 8

Dementsprechend ist die Innen-Außen-Grenze nicht an die Haut gebunden, sondern kann auch, infolge Angst etwa, bis weit hinter die Haut zurück gehen, so daß die "eigenen" Beine, Rumpf etc. außen sind und als kalt bis fremd erscheinen. Grenzen werden ontologisch konstituiert und je verschieden durch die Lebensvollzüge gesetzt. Deshalb wird unsere Haut z. B. auch durch Streicheln, Ernährung, Heiterkeit usw. durchlässig und wir können unsere Umgebung so sensibilisieren, daß auch Menschen, Kleider, Häuser und Landschaftshorizonte ambulante Häute werden.

Wir leben primär in ausgedehnten Binnenwirklichkeiten. Deshalb ist auch das oft diskutierte Schmerzerleben eine umfassende Transformation, in der sich eine Stelle von einer anderen absetzt, in der "wir" auseinandergezogen werden. Die Beziehung, das Ziehen ist exakt der Schmerz. Andererseits bedeutet ein Lustschmerz Erweiterung unseres Raumes bei gleichzeitiger Kontraktion auf einen kleinen Punkt.

Das primäre Dasein ist ein rundum tiefes und sattes Eingelassensein und eine Offenheit, die wie ein unsichtbares Auge Wirklichkeit aufschließt. Für diese Verfassung haben wir keinen Sinn alleine. Eine Mischung. Und weil kugelrund hat es, wie Sloterdijk von der Gewalt sagt, "sphärisches Format", nach allen Seiten sich ausbreitend. 9 Es ist der Ursprung der Sinnenvielfalt. Alles andere kommt später. Parzelliert. Segmentiert. Deshalb nehmen wir beim Hören, Sehen, Tasten immer ganze "Empfindungsblöcke" 10 wahr, die sich ausdehnen oder zusammenziehen, die quellen, wuchern, wabern, atmen, sich verzerren, aufsteigen und verschiedene Temperaturen haben, komplette Situationen also, in denen wir mit unserer ganzen Existenz beteiligt sind. Deshalb sind Farben, Gerüche und Töne immer komplette Lebensbewegungen, die unser Dasein öffnen oder verschließen, heben oder senken, abstumpfen oder beleben. Deshalb stecken Raum und Zeit und die Sinnlichkeit bereits in jeder Form und in jedem Teil von Wirklichkeit. Ein bloßes Hören und Sehen gibt es nie. Wir hören wie etwas zu Boden fällt oder wie jemand beschleunigt. Wir sehen einen lachenden oder traurigen Menschen und wenn wir uns weiter einlassen würden, wären wir im Nu in eine komplexe Lebensgeschichte verwickelt. Uns würden darin andere Augen aufgehen und andere Ohren wachsen.

Sprache, Sex und Geld

Der wissenschaftliche, abstrakte Raum entsteht erst durch eine "Entweltlichung" (Heidegger) und in einer "Welt ohne Menschen" (Sartre), wo das Leben ausgetrieben ist. Es ist von daher folgerichtig, wenn man von einem allgemeinen Raum, Zeit und Sein, wie es uns die Wissenschaften immer noch vormachen wollen, absieht. Vielmehr sind Raum, Zeit und Sein auf konkrete Lebensweisen bezogen und nur aus ihnen begreifbar. Die Lebensweisen sind die Konfigurationsprogramme, die je bestimmte Wirklichkeiten erzeugen. Deshalb öffnen Kunst, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft usf. je verschiedene Räume.

Man muß aber hier über Heidegger und Sartre hinausgehen, weil sie einerseits den Raum zu sehr an die Existenz des Menschen gebunden hatten und andererseits doch noch an einem irgendwie vorgegebenen Metahorizont festhielten. Wir können heute davon ausgehen, daß alles an der Wirklichkeit von Räumen beteiligt ist. Auch Tiere und Pflanzen, Landschaften, Farben, Düfte, Geschmack, Sprache, Sex und Geld haben räumliche Wirkungen. Und wir können davon ausgehen, daß das Zusammenwirken verschiedener Elemente unter bestimmten Voraussetzungen Zustände schafft, die etwas völlig Neues erzeugen. Und das Neue erzeugt zugleich seinen eigenen Horizont und seine eigene Wirklichkeit. Damit wird endlich die schon von Nietzsche und später von der Phänomenologie geforderte Einsicht klar, daß alles in den "Sachen selbst" steckt. Wir können sie entfalten und zu vorübergehenden Lebensräumen inszenieren.

Auch Andy Warhol dachte in Raumkategorien und er darf als ein großer Raumkenner bezeichnet werden. Ihm stellte sich das Problem in erster Linie durch die Frage, wie er möglichst viel Raum einnehmen konnte. Dabei entdeckte er, daß sich jedem Menschen verschiedene Möglichkeiten bieten, Raum einzunehmen und über Raum zu verfügen. "Ein besonders Schüchterner will nicht einmal den Raum einnehmen, den sein Körper tatsächlich braucht, während Leute, die sehr aus sich herausgehen, soviel Raum wie nur möglich einnehmen wollen." Da er sich selber auch als "schüchtern" einstufte, aber trotzdem über mehr Raum verfügen wollte, als er hatte, sann er auf verschiedene Möglichkeiten. Vom Medium Fernsehen versprach er sich am meisten, weil da jedermann, "so klein er vielleicht ist, all den Raum, den man überhaupt nur wollen kann", einnehmen kann. 11

II. Lebensraum als unsichtbare Architektur

Der Lebensraum, in dem ein Mensch wohnt, sich bewegt und orientiert, ist für andere Menschen wesentlich unsichtbar. Wir sehen zwar die Leute, wie sie durch die Städte laufen. Aber wir sehen nicht, wie sie eingeräumt sind. Wir sehen nicht, was den Menschen erschlossen und verschlossen ist, was Bedeutung hat und was nicht. Wir sehen nicht die Raumkorridore und spezifischen Engpässe, die Stellen, die Angst machen und die Stellen, die wieder weiter machen. Kurz: Wir sehen nicht die Binnenräume der Menschen mit ihren persönlichen Landkarten und "wir haben keinen unmittelbaren Zugang zu der Welt eines anderen". 12 Deshalb muß ein Biograph wie Klaus Harpprecht, wenn er das Leben Thomas Manns nachzeichnet, um in die "Binnenwelt der deutschen Gefährdungen" Einblick zu bekommen, aus Manns Werk, Tagebüchern, Briefen usw. eine Lebenslandschaft konstruieren. Darin sehen wir dann Leitmotive, Beziehungen, Nähen, Horizonte, Hürden, Fluchtwege, Irrwege und Königswege. Dieser Binnenraum ist der eigentliche Lebensraum. Er ist der unsichtbare Körper der Menschen. Sozusagen seine "endo-physikalische" Natur. Die "Anti-Materie". Immateriell, akut und nicht deckungsgleich mit der sichtbaren Umwelt.

Türme, Wände und Decken

Wie Michel Foucault richtig sagt, haben uns die Phänomenologen gelehrt, "daß wir nicht in einem homogenen und leeren Raum leben, sondern in einem Raum, der mit Qualitäten aufgeladen ist, der vielleicht auch von Phantasmen bevölkert ist. Der Raum unserer ersten Wahrnehmung, der Raum unserer Träume, der Raum unserer Leidenschaften - sie enthalten in sich gleichsam innere Qualitäten; es ist ein leichter, ätherischer, durchsichtiger Raum, oder es ist ein dunkler, steiniger, versperrter Raum; es ist ein Raum der Höhe, ein Raum der Gipfel, oder es ist im Gegenteil ein Raum der Niederung, ein Raum des Schlammes; es ist ein Raum, der fließt wie das Wasser; es ist ein Raum, der fest und gefroren ist wie der Stein oder der Kristall." 13 Wer aber meint, das sind Raumqualitäten, die als Empfindungen im Menschen anzutreffen sind, irrt. Es gilt das Umgekehrte. Wir leben in den Raumqualitäten. Wie entstehen sie?

Im gelebten Raum können ganze Situationen zu Mauern werden. Wir können an Gesellschaften, Städten und Kulturen abprallen. Menschen können Schlüssel sein. Texte werden Fenster. Geschichten können wärmen. Beziehungen tragen. Das ist alles nicht metaphorisch, sondern reale Wirkung eines arbeitenden unsichtbaren Raumgefüges.

Der geometrische Raum ist eine Fläche mit Türmen, Wänden und Decken, die man bequem durchquert. Im gelebten Raum brechen wir permanent irgendwo ein, geht die Fläche und Ebene, auf der wir uns bewegen, an bestimmten Stellen nach unten oder nach oben, werden wir geliftet oder gedrückt. Das hat schon Albrecht Dürer bemerkt, wenn er in seinem Abendmal von 1523 die Männer zu Jesus' Rechten schwer, dumpf und massig erscheinen läßt, weil sie an einer überholten Wahrheit festhalten, während die Männer zur Linken leicht, aufgerichtet und mit Leben erfüllt erscheinen, weil eine neue Form der heit in sie einzieht.

Außen, Innen und Dazwischen

Lebensräume haben Fenster, in denen "Der Rest der Welt" erscheint. Sie haben heiße bis kalte, brisante, empfindliche bis harte Zonen. Es bilden sich Randbereiche, Ränder, Zentren, Verbindungen, Kanäle, Bunker, Flächen, Verdichtungen, Quellen, Schächte, Schnittstellen, schwarze Löcher, Lifte. Es gibt Stellen, die ziehen ab wie ein Abfluß, man wird verwirbelt und weiß nicht, wo man rauskommt. Oder der Besuch trifft unsere Situation wie einen Schuß, der alles zum Abstürzen veranlaßt. Ein Termin ist ein Berg. Ein Essen ein Bad. Hölderlin ist eine Leuchte. Manche sind Klötze. Der Mensch ist eher ein Affe, ein Tarzan, der sich in einem Dschungel, den er nie vollständig überblickt, bewegt, an Leitlinien, Leitplanken, Richtlinien und Markierungen entlang hangelt. Stränge laufen wie Hotlines durch die Stadt. Sie heißen "SEX" oder "BRATWURST" und reißen alles rein.

Die heute übliche Aufteilung ist Außen/Innen. Außen, das sind die Anderen, das Ausland, die Umwelt, das Chaos. Innen, das sind wir selber, das Eigene, Bekannte, die Kenntnis. Dazwischen sind Wände, die sein können wie Häute, Mauern oder Stahl. Da der gelebte Raum durch die Dinge hindurchgeht, werden scheinbar ganze Dinge ständig zerteilt. In Innenhälften und Außenreste. Durch die Dinge gehen also unsichtbare Grenzen, die der Mensch zieht je nach Kraft und Schwäche, Lust und Laune seiner Fähigkeit, sich etwas aneignen, durchdringen, durchschauen, durchleben oder einfach vorurteilslos annehmen zu können. Entsprechend können Dinge, Menschen, Möbel und Umwelten zu Wänden und Mauern werden, wenn wir sie ablehnen. Und selbst Mauern können weich und tief werden, wenn wir in ihnen etwas sehen.

Der eigentliche Lebensraum ist unsichtbar - mit der sichtbaren Realität möglicherweise verdeckt, getäuscht oder geschützt. Jeder Mensch hat unsichtbare Landkarten im Kopf, mit denen er sich seine persönliche Orientierung herstellt. Wir können Menschen, Kulturen, und Zusammenhänge nur verstehen, wenn wir in die "Spiegel-Welt" hineinkommen.

III. Lebenszusammenhänge sind eigensinnig

Die Philosophie brachte in diesem Jahrhundert einen einschneidenden Wandel im Denken. Die Vorstellungen einer Wirklichkeit an sich, sei es die einer Schöpfung oder eines evolutiven Prozesses werden revolutioniert durch die Erkenntnis, daß diese Weltbilder geschichtlich und eng mit der Existenz des Menschen verknüpft sind. Deshalb hat Heidegger den Begriff "Seinsgeschichte" geprägt und deshalb steht bei Sartre die Existenz höher als das Sein. Deshalb werden übergeordnete Sinnideologien abgelöst durch Sinnpluralitäten, Kontexte, "Sprachspiele" (Wittgenstein), "Bewandtnisganzheiten" und "Welten" (Heidegger), "Entwürfe" (Sartre), "Strukturen" (Rombach), "Lebensformen", "Rhizome" (Deleuze/Guattari), "Lebenskunstwerke" (Paolo Bianchi), "soziale Konstruiertheit" (Judith Butler) und begrenzte Szenarien, die Wirklichkeit erzeugen und die man mitspielen muß, um sie zu verstehen. Deshalb gehören auch Vernunft, Ethik und alle hehren, scheinbar absoluthumanitären Werte in "Sprachspiele", Welten, Muster und konkrete Situationen. Es ist ein Übergang von der Vorstellung eines an sich seienden Sinns zur Anerkennung von Sinn als Effekt von Verknüpfungen. Wichtiger als das Objekt sind die Beziehungen, in denen es steht. Das führt zu eminenter Aufwertung der Materialität, der konkreten gelebten Existenz, der eigenen Initiative und der Lebenskunst, des Alltags und der Erzeugung von Sinnstrukturen.

Sinn, Sinnräume, Sinnrambos

Auf den Raum bezogen, bedeutet das: So wie Sein durch Existenz produziert wird, so werden Lebensräume durch Lebenszusammenhänge produziert. Raum gibt es also nicht a priori, nicht an sich und nicht als Kategorie, vielmehr als Sinnkonstruktion. Unser Dasein, unsere Identität und unser Lebensraum werden von Sinnkonstruktionen getragen. Sinnkonstruktionen machen Bedeutungen und Wesen. Nicht durch ein allgemeines Sein, Natur, Gott oder sonst eine absolute Größe wird unser Leben getragen, sondern durch Sinn. Sinn ist die Wurzel sowohl für Sein, Natur, Gott und die Welt und zwar so radikal, daß selbst scheinbar feste Materie sich durch Sinn erst konstituiert. Dasein ist nur als sinnvolles möglich. Die Sinnkonstruktion ist auch das ,was von unserem Leben übrigbleibt. Als Werk, Kinder oder sonstwas. Der Sinn springt von der Person ab, hebt sich heraus, das heißt, es ist eine Dynamik im Spiel, die aufsteigt und uns trägt. Andererseits macht es wieder Mut und gibt Auftrieb, wenn wir Sinnzusammenhänge hochhalten. Das heißt also: Sinnzusammenhänge tragen und werden getragen. Uns wird schwindlig, wenn wir das Vertrauen in den Zusammenhang verlieren und wir brechen zusammen und erleiden einen Identitätsverlust, wenn eine Sinnkonstruktion zusammenbricht. Sie ist ja zugleich unser Bewegungs- und Spielraum.

Der sinnvolle Raum ist immer in Totalpräsenz wirksam. Deshalb sind Lebenszusammenhänge wie Algenkolonien in einem unbekannten Ozean: Pelagisches Dasein. Deshalb kann man einen Sinn nur begreifen, wenn man in ihn "wie in eine Algenkolonie" greift. "Egal wo man sie ergreift, man wird sie immer als Ganzes herausziehen müssen". 14 Raum öffnet sich nur durch sinnvolle Lebenszusammenhänge und diese sind nur "inner-weltlich" erfahrbar. Lebensräume sind Binnenräume und öffnen sich erst über einen bestimmten Vollzugssinn.

Wir müssen also Sinn produzieren und uns auf bereits bestehende Sinnstrukturen einlassen. Dabei arbeiten wir die vorgegebene Wirklichkeit auf und verwandeln ihre Außenverfassung in eine Binnenverfassung. Wir können uns dazu einer Reihe von Möglichkeiten bedienen und Welten durch Transformationen in neue Welten verwandeln. 15 Es kann genügen, Nuancen wahrzunehmen und auszuziehen, um komplette Neustrukturierungen zu erwirken. Wie Andy Warhol schon gesagt hat: "Die Graffiti-Sprayer, die nachts ganze U-Bahn-Züge besprühen, haben begriffen, wie man den Stadt-Raum im Recyclingverfahren zurückerobert. Mitten in der Nacht gehen sie in die U-Bahn-Stationen, wenn die Züge leer sind, und dann veranstalten sie ihren Tanz und Gesang in der U-Bahn. Nachts sind die U-Bahnen wie Paläste, wenn du den ganzen Raum für dich allein hast." 16 Oder es geschieht mit extremen Rambomethoden, die verhärtete und verkrustete Strukturen aufbrechen, um sie neu zu bearbeiten und neuen Verhältnissen anzupassen.

Kanäle, Kälte und Kanaken

Sartre hat zwar Recht, daß der Mensch als transzendierendes Wesen vorgegebene Situationen durch einen "Lebensentwurf", eine Motivation erst strukturiert und damit Bedeutung und Sinnzusammenhang herstellt. Aber solange der Entwurf ein Überwurf ist, bleibt er draußen und die Situation öffnet sich nicht. Der Entwurf muß sich verbinden lassen mit dem vorgegebenen Raum, das hat Sartre zwar auch gesehen. Aber selbst Sartre ist bei dem Versuch, einen "Entwurf" zu leben, gescheitert. Als er in Venedig Urlaub machen wollte und das Wasser als Lebenselement beschreiben wollte, mußte er frustriert frühzeitig abreisen, weil er es nicht zu seinem Element machen konnte. Erst im politischen Milieu von Paris war er wieder in seinem Element. Was Sartre übersehen hatte, war, daß der Lebensentwurf, die eigenen Vorstellungen gerade zusammenbrechen lassen muß.

Man muß geradezu vernichtet werden, um jenen kritisch-offenen Zustand zu erreichen, wo wir mit der Wirklichkeit einbrechen und die Chancen, Möglichkeiten und feinen Verzweigungen im Lebensraum sehen und wahrzunehmen können. Dabei geschieht etwas, das bis dato unbekannt war. Wir entdecken, daß Sinnkonstruktionen ein Eigenleben führen, daß, wo immer offene Prozeße zustande kommen, diese als Wirklichkeitsgenerierung fungieren. Deshalb kann gesagt werden: "Die Überraschung ist, daß viele der in diesem Jahrhundert diskutierten Entdeckungen etwas mit Phasensprüngen, mit Emergenz, mit Kooperation zu tun haben, die nur zu verstehen sind, wenn man berücksichtigt, daß hier vieles gleichzeitig geschehen muß. Aber was ist das Prinzip dieses Geschehens, wenn es Kausalität nicht sein kann? Irgendetwas befähigt diese Phänomene zur Selbstorganisation, und das kann nur eine Art Eigensinn sein, der den Beobachter vor völlig neuartige Herausforderungen stellt." 17

Dieser Eigensinn ist das kreative Potential, durch das Wirklichkeit erzeugt wird und er steht höher als jede Gottheit. Man sollte sich das Sinngeschehen nicht zu blumig und nicht zu intellektuell vorstellen, wie die Postmoderne das noch getan hat. Es ist eher so, wie eine Anekdote über den berühmten Historiker Fernand Braudel berichtet: Auf einem großen Kongreß 1986 befragt, warum bei ihm die Einheit Frankreichs nicht mit Jeanne d'Arc, sondern mit dem Eisenbahnnetz beginne, antwortete er, daß er vor diesem Ereignis keine Einheit erkennen könne. Vielmehr erst durch die Züge, die die Raumdistanzen Frankreichs in schnellem Tempo verkürzten und damit eine Straffung des Raumes bewirkten. 18

Die "Zeit" berichtete, daß "800 000 junge Türken, umgeben von sozialer Kälte" in Köln ihre Heimat gefunden haben: in der eigenen Popmusik. Die Jugendlichen, die in der Türkei nicht mehr und in Deutschland noch nicht zu hause sind, überwinden diese "Identitätslücke", indem sie sich eine neue Identität erzeugen. Mit "HipHop, House und Pop", einer Mischung aus "Türkei-Nostalgie und Popmodernität" erzeugt die Band "Cartel", die sich mehr als ein Projekt versteht, als nur eine Musikgruppe - ein neues Gemeinschaftsgefühl, das sowohl in der Türkei als auch in Deutschland ankommt. "Das ethnische Revival ist deshalb keine Rückbesinnung auf alte Werte, sondern eine Fusion zweier Galaxien. Heraus gekommen ist das Universum der Kanaken , wie sie das übliche Schimpfwort auf sich selbst anwenden und damit jeder Beleidigung zuvorkommen." In ihrer eigenen Kunstsprache steckt auch das Motto für die zukünftige Raumtheorie. "Wer weiterkommen will, muß sein Schicksal selbst in die Hand nehmen." Soll heißen: "Gott fickt jede Lahmgöre." 19

IV. Dianas Tod und andere Schlüsselerlebnisse

Berühmte Leute berichten häufig von einem Schlüsselerlebnis, durch das sich ihr Leben konvertiert hat. Der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi beschreibt in seinem Werdegang, wie er sein Leben ändern mußte, nachdem er Fellinis Film "La dolce vita" gesehen hatte. Der zwanzigjährige Tabucchi hatte bis dahin ein eher harmloses Leben geführt und war durch Schule, Familie und die herrschende Politik auf eine bürgerlichbrave, vielleicht universitäre Existenz vorbereitet worden. Sein Bild von Italien war ein, wie er sagt, rhetorisches und positives, und "La dolce vita" zeigte ihm ein anderes Italien. Der Film zeigte ihm ein Proletariat, das auf billige Wunder abfuhr, eine vulgäre und geschlossene Bourgeoisie, aristokratische Idioten und große und kleine Intellektuelle, die pathetisch endend ihre Töchter ermordeten bzw. in Durchschnittlichkeit steckenblieben.

Der Film zeigte Tabucchi Verhaltensweisen, die ihm noch heute widerstreben. Es-sich-gut-sein-Lassen von Tag zu Tag, Interesselosigkeit, Vulgarität und das trostlose Strebertum. Der mittlerweile berühmte Schriftsteller ist also nach diesem Film nach Paris gegangen und hat einen anderen Lebensweg eingeschlagen. Er trägt nach eigener Aussage heute noch ein Bild aus dem Film in seinem Terminkalender bei sich. Das Bild zeigt die kurvenreiche und lasziv-hingebungsvolle Anita Ekberg im barocken Brunnen der Fontana di Trevi - dem Ort, wo sie sich "betrinkt am Ursprünglichen, an der Kunst". 20

Die Reihe der Beispiele läßt sich fortsetzen - mit Menschen, die einen Lebenseinschnitt erlebt haben und ihr Leben ändern mußten oder nur unter großen Schwierigkeiten wieder in ihr altes zurückkehren konnten. Man denke an die Tennisspielerin Nummer 1, Monica Seles, die zwei Jahre gerungen hat, um das Trauma zu überwinden, das ihr durch einen Messerstich zugefügt wurde. Man denke an "Die Wiedervereinigung", das Bekanntwerden des Aidsvirus oder den Tod von Prinzessin Diana. Der Einschnitt läßt den bisherigen Lebensraum platzen, einstürzen und zwingt, einen neuen aufzubauen. Hier zeigt sich die Fragilität von Lebensräumen. Dabei ist durch das Schlüsselerlebnis entweder ein neuer Lebensraum zu eigener, verheißungsvoller Zukunft geworden, oder ist der bisherige zusammengebrochen und in die Anonymität gestürzt. Beides gehört hier zusammen.

Das Schlüsselerlebnis ist zuerst oft etwas Kleines, Unscheinbares und kommt unvermutet. Das wird immer wieder übersehen. Aber neue Welträume beginnen im Unvorhergesehenen. Mit Krisen, Chaos, Unzufriedenheit und Ungeklärtem. Mit Gefühlen der Sinnlosigkeit und der Entfremdung. Dennoch beginnt so überhaupt erst Welt und Weltraum, Lebensraum, der sich öffnet und worin es sich lohnt, zu existieren. Deshalb sind Einschnitte, Einbrüche und Schlüsselerlebnisse die eigentlichen Teilstriche im Kalender unseres Lebens.

V. Die vielen Virtualitäten des Raumes

Zwei Probleme gehen mit der Dynamik des Raumes ständig einher. Das eine ist: Wir haben Raum nicht schon dadurch, daß wir irgendwo vorkommen. In einer Stadt, die sich uns nicht erschließt, haben wir keinen Raum. In einer Gesellschaft, die sich uns nicht öffnet, finden wir keinen Platz. Kurz: Wir müssen uns also, um überhaupt Wirklichkeit zu haben, erst welche erschließen. Das andere Problem ist: Nie ist uns die ganze Wirklichkeit erschlossen, sondern immer nur bestimmte Bereiche und bestimmte Möglichkeiten - das heißt, unser Raum hält sich in Grenzen.

Er- und Verschließen

Nach Sartre erschließt sich uns eine Wirklichkeit nur durch einen Lebensentwurf oder durch bestimmte Techniken. Erst durch das Herstellen eines Sinnzusammenhanges oder das Anwenden einer Technik öffnet sich die vorgegebene Wirklichkeit zu einer Lebenssituation, die unsere ist. Der Lebensentwurf organisiert und die Technik schließt räumlich auf. Sartre geht davon aus, daß sich Skifahrern Berghänge unterschiedlich erschließen. Je nachdem, ob man die Norwegische Methode benützt oder die Französische, "wird der selbe Abhang steiler oder sanfter erscheinen". 21 Dies führte ihn dazu, daß "Techniken" gründlich unsere Wahrnehmung bestimmen. Das Bestimmen der Wahrnehmung reicht aber noch nicht. Man muß den Vorgang radikalisieren. Die Techniken erschließen überhaupt erst. Und zwar so grundsätzlich, daß darin auch noch eine bestimmte Wahrnehmung mitenthalten ist. Die Erkenntnis: "Der Schienenstrang ist eine neue Geometrie", 22 bedeutet auch: Telekom ist eine neue Geometrie, der neue BMW ist eine neue Geometrie, das Inter-net ist eine neue Geometrie, Nadja Auermann ist eine neue Geometrie, Aids ist eine neue Geometrie, Ecstasy ist eine neue Geometrie, Cyber-space ist eine neue Geometrie und Ignacio López ist eine neue Geometrie. Die neue Geometrie eröffnet einen neuen Raum, teilt den bisherigen neu auf und hält ihn eine Weile offen.

Lebensraum ist erschlossene Wirklichkeit und kann sich auch wieder schließen. Wenn uns eine Situation nicht erschlossen ist, ist sie nicht räumlich, sondern eine Wand, ein Berg, Mist, Scheiße. Wenn die "Saubermänner" und "Sauberfrauen" überall nur noch "Dreck" sehen und "Ekel" empfinden, dann verschließt sich ihnen die schöne Umgebung. Dann verschließen sich der schöne neue Teppichboden, das schöne und an sich saubere Auto, das schöne saubere Land und die schöne Nation mit den schönen und an sich reinen Menschen. Das erzeugt Ekel, Chaos und Aggression. Dann muß man mal wieder "richtig ran" und "kräftig durchsaugen". Dann muß man sich sein Eigentum wieder aneignen. Es entzieht sich und verschließt sich immer wieder durch den "Dreck". Dreck ist nun aber nicht nur eine objektive Realität, wie Krümel, Spritzer und Flecken. Es drückt den Vorgang des Verschließens von Raum aus. Man könnte dem Dreck auch geklärt ins Angesicht schauen oder nach Mustern untersuchen. Dann würde sich der Raum nicht verschließen. Deshalb ist es also nicht der objektive Dreck, der verschließt, sondern genauso ist es unsere nachlassende Erschließungsfähigkeit, die die sogenannten Fremdkörper nicht mehr einarbeiten kann.

Für den Vorgang des Erschließens/Verschließens kann man keine bloß objektiven Kriterien verantwortlich machen. Es kann gerade auch die übertriebene, abstoßende Sauberkeit den Raum verschließen. Ebensowenig erzeugt nicht schon viel Licht eine Helle. Licht kann auch verschließen und Dunkelheit kann aufschließen. Für den mit Lichträumen arbeitenden Künstler James Turrell war es gerade die Dunkelheit einer Isolationshaft, die ihm die Augen für das Licht in der Finsternis öffnete und seinen künstlerischen Weg entscheidend beeinflußte. Umgeben von totaler Finsternis kam Turrell zu der für ihn folgenschweren Erkenntnis, "daß es niemals kein Licht gibt, selbst wenn alles Licht erloschen ist, kann man es noch fühlen". 23

Unter dem Motto: Sie öffnet sich nur, wenn sie Geige spielt, hat vermutlich jeder Mensch "Schlüsselerlebnisse" in seinem Leben, die ihm, bewußt oder nicht, eine Wirklichkeit öffnen und der er sich öffnet. "Ich erfahre die Welt nur über Kunst, so wie Casanova über die Frauen" 24 , sagt der Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt Jean-Christoph Ammann. Weil ihnen Kunst und Frauen erschließbar sind. Weil sie da Zugang zur Wirklichkeit haben. Das heißt nicht, das anderes nicht vorkäme. Ja, aber eben nicht wirklich.

Tiere, Pflanzen und Virtualität

Der Verhaltensforscher Jakob von Uexküll hat schon um die Jahrhundertwende in einer bahnbrechenden Arbeit gezeigt, wie verschiedene Tiere und Menschen eine scheinbar selbe Eiche auf unterschiedliche Weise als Lebensraum erschließen. Der Fuchs baut sich zwischen den Wurzeln seine Höhle, dadurch wird die Eiche darüber zum Dach. Für die Eule sind es die starken Äste, die eine Schutzwand bilden. Die Eichhörnchen fahren mehr auf die Verzweigungen ab, die ihnen als Sprungmöglichkeiten dienen. Die Singvögel benutzen die ferneren Äste, um Nester zu plazieren. Ameisen jagen in der Rindenlandschaft. Der Bockkäfer geht unter die Rinde und die Schlupfwespe dringt mit ihrem Stachel in das harte Holz ein als wäre es Butter. Daher sagt Uexküll: "In all den hundert verschiedenen Umwelten ihrer Bewohner spielt die Eiche als Objekt eine höchst wechselvolle Rolle, bald mit diesen, bald mit jenen Teilen. Bald sind die gleichen Teile groß, bald klein. Bald ist ihr Holz hart, bald weich. Bald dient sie dem Schutz, bald dem Angriff."

Die Eiche ist für die Tiere und Menschen auf unterschiedliche Weise Lebensraum, und dieser Raum ist von den Lebewesen nicht zu trennen. Er ist ein Teil der Lebewesen selbst, durch ihre Organisation, Lebenseinstellung, Technik und Weltzugehörigkeit erschlossen und verarbeitet zu einem unauflösbaren Ganzen. Von daher liegt es nahe, wenn man folgenden Schluß zieht: "Es war ein Irrtum zu glauben, die menschliche Welt gebe die gemeinsame Bühne für alle Lebewesen ab. Jedes Lebewesen besitzt seine Spezialbühne, die genauso real ist, wie die Spezialbühne des Menschen. ... Durch diese Erkenntnis gewinnen wir eine ganz neue Anschauung vom Universum. Dieses besteht nicht aus einer einzigen Seifenblase, die wir über unseren Horizont hinaus bis ins Unendliche aufgeblasen haben, sondern aus abermillionen eng umgrenzter Seifenblasen, die sich überall überschneiden und kreuzen." 25

Man könnte meinen, daß spätestens mit der Postmoderne und ihrer Proklamation der Pluralität von Lebenswelten eine Fülle neuer Wirklichkeiten wie aus Wundertüten hervorkommen würden. Dennoch ist es nicht so, weil immer wieder übersehen wird, daß die Lebenswelten nicht nur eine bestimmte Wirklichkeit erschließen, sondern sich darin zugleich auch, als Schutz, verschließen. Man muß hier dem Berliner Stadtphilosophen Dieter Hoffmann-Axthelm recht geben, wenn er über den New Yorker Stadtphilosophen Richard Sennet und dessen Buch "Civitas" schreibt: "Er ist narzißtisch gekränkt, und zwar dadurch, daß er an die Wirklichkeit der anderen, Hispanos, Lederfetischisten oder älteren Damen, nicht herankommt. Daß seine tägliche touristische Neugier genau der falsche Schlüssel ist, und daß es ganz andere Türöffner braucht angesichts der elementaren Schutzfunktion der ethnischen Einkapselung, das sollte bei Kenntnis New Yorker Lebensverhältnisse der erste Gedanke sein." Was dem Kritiker schließlich fehlt, ist "die genaue soziologische Beobachtung wirklicher Menschen und wirklichen Lebens". 26 Hier ist also noch ein weites Feld zu erforschen. Aber das wird sich nur dem erschließen, der sich, wie Foucault auf die S/M-Szene in San Francisco, tatsächlich auf eine Lebenswelt einläßt. Da ist "soziologisches Beobachten" eigentlich zu harmlos. 27

Erschließen und Verschließen sind Grundvorgänge in unserem Leben. Die Bereiche, die erschlossen sind, müssen nicht deckungsgleich sein mit der sichtbaren Realität. Es sind Aktivfelder, die aus der vorgegebenen Realität Bereiche so virtualisieren, daß sie organisch wirken und zur Person gehören. Dabei erschließen Wissenschaften genauso Räume wie Künstler, Persönlichkeiten, Theorien und Kunstwerke, genauso wie Tiere und Pflanzen. Auch Arten der Bewegung sind Erschließungen. Sie unterscheiden sich nicht darin, daß sie Räume erschließen. Der erschlossene Raum ist unser Daseinsraum, sind wir selbst als räumliche Offenheit. Wir leben in dem, was wir uns erschlossen haben. Was haben wir uns bisher alles erschlossen? Sprachen, welche? Wortschatz, Bilder, Städte, Menschen, Vorgänge, welche? Der Prozeß ist noch völlig offen. So sagt Vilém Flusser: "Der Raum hat eine Vielzahl von Virtualitäten. Vielleicht ist sie nicht unbegrenzt groß. Wir wissen, daß die Sinnenwelt nur eine Virtualität ist. Wir können jetzt einen virtuellen Raum nach dem anderen projizieren und erlebbar machen. ... Kurz und gut, wir sind darauf gekommen, daß der Schöpfer nur eine unter vielen Virtualitäten des Raums geschaffen hat, und jetzt machen wir es ihm nach und schaffen andere." 28

VI. Lebenskrisen als Jungbrunnen

Die Architektur des Lebensraumes ist immer in der Krise. Wir haben uns daran gewöhnt, Lebensbereiche, Wissensbereiche und Gefühlsbereiche möglichst zu isolieren und getrennt zu halten, und es mag uns im objektiven Bereich des Wissens und der Daten recht sein, daß das so ist. Im Leben sieht das anders aus. Es stellt sich schnell Unzufriedenheit ein, wenn unsere Lebensumstände und Lebensbereiche nicht mehr zusammenstimmen, wenn alles vereinzelt und zerstückelt ist. Und dann fürchten wir doch das Chaos, wenn solche Bereiche zusammenströmen und unseren Spezialisten- und Sektorenblick überfluten. Aber hier gilt, wie Norbert Bolz sagt: Wir müssen vor dem Chaos keine Angst haben. Denn Chaos ist der "Anschein, den Sachverhalte sehr hoher Komplexität absondern". Chaos ist das "Inkognito" dessen, was wir als Sinn suchen. "Chaos ist das Inkognito des Ganzen!" Es ist die Ankündigung "einer Wiederkehr des verdrängten Ganzen". Deshalb ist Chaos nicht das Gegenteil von Ordnung, vielmehr geradezu ihr "Jungbrunnen". 29

Aktiv, wach und lebendig

Das geht nicht ohne Krise. Der Religionsforscher Mircea Eliade sieht in der Krise sogar die Wurzel aller Religionen. Denn "jede existentielle Krise stellt die Realität der Welt und die Anwesenheit des Menschen in der Welt von neuem in Frage". Und das macht die Existenz "offen für Werte, die nicht mehr zufallsbedingt oder privat sind" 30 , die vielmehr universell sind. Mit universell meint Eliade aber nicht einen metaphysischen, jenseitigen Raum, sondern die Lebensfülle, die sich einstellt, nachdem die Krise die private Einmauerung gesprengt hat. Die eigenen Katastrophen und Krisen rütteln wach, provozieren, was "da"-sein bedeuten kann.

Im kritischen Zustand brechen die verdrängten, abgelebten und eingefleischten, aber inhaltsleer gewordenen Existenzmöglichkeiten und Lebensräume zusammen. Sie werden eingeschmolzen und verdichten sich zu einem Potential, wo ein Sprung in einen neuen Raum möglich wird. Den Übergang in einen neuen Raum hat die Chaostheorie sehr gut beschrieben. Wir suchen Lösungen unserer Probleme zuerst in gewohnten Denkmustern - wo wir sie nicht finden. Das löst Frustration aus und steigert die Suche, bis sie erratische Züge annimmt. Grenzzyklen brechen zusammen, bis ein vom Gleichgewicht weit entfernter, kritischer Zustand eintritt. Die Ausweglosigkeit bringt die Situation zum Brodeln und steuert auf den point of no return zu, wo, wenn nicht gescheitert, ein Phasenübergang als Sprung in eine neue Dimension erfolgt. 31

Diese Lebendigkeit erschließt vielmehr Raum als Besitz. Das beinhaltet Mut zum Neubeginn. Wenn die Wohnung und die Umgebung dumpf, schwülstig und einengend werden, wenn der Raum träge und zäh wird, weil man mit allem schon zu lange gelebt hat und deshalb mit seiner Umgebung zusammenfällt, dann ist Aufbruch angesagt. Umziehen. Den Krempel zurücklassen. Neubeginn, um in einer neuen, noch nicht ausgelegten Situation wieder aktiv werden zu müssen. Erfinderisch, wach und lebendig Dasein neu zu spüren.

Ambulant, vital und verwoben

Erneuerung, das war wohl auch der Sinn der Frühlingsfeste der Germanen, der Orgien und Mysterien der Griechen, der Fastenzeit des noch nicht dekadent gewordenen Christentums, des Faschings der Alemannen, allesamt Feste, die das "Phasengefühl" 32 der Vernichtung, Übergänge und Erneuerung zelebrierten und den gleichförmigen Ablauf immer wieder in ein frisches, kosmisches Dasein formten. Davon sind die heutigen Oster- und Weihnachtsfeste ein schwacher Abglanz. Die Erneuerung findet den auch kurzfristig eher im Kino statt, wo wir uns einer "optisch-spirituellen Schockbehandlung" aussetzen und nach dem "ultimativen, erleuchtenden Knockout" das Studio verlassen - als ein "Zuschauer danach". 33

Werden die Lebensräume institutionalisiert, erlischt die konstitutive Teilnahme. Vorgänge werden durch Gesetze geregelt, nicht mehr durch selbstregulierendes Geschehen. Es entstehen Hohlformen, Stellen, die ausgefüllt werden. Tatsachen, die nur bestätigt, angenommen oder abgelehnt werden. Wenn das Leben zur Gewohnheit wird, wird der Raum glatt. Deshalb die Aggression. Weil wir ständig abrutschen, ausrutschen auf abgeschliffenem Parkett. Die Glätte ist deshalb unerträglich, weil nirgends etwas greift. Deshalb ist Gewalt oft der scheinlichste Ausweg.

Lebensräume sind in der effektivsten Phase lebendig. Das heißt mit Haut und Haar tragend und getragen. Fragil ambulant, vital und in inniger Verwobenheit von Mensch und Umgebung. Mit Spannung und Leben erfüllt. Mit Nähe, Evidenz und unmittelbarem Einfluß. Erschlossen. Angehend. Eben die Dimension des Paradieses. Aber das Paradies noch nicht verbildlicht und historisiert, sondern als ontologische Liquidität. Unser Lebensraum wird lebendiger, wenn wir etwas riskieren und wieder zulassen, was wir irgendwann einmal ausgeschlossen haben. Angst, Depression und die vielen Zivilisationskrankheiten resultieren aus Verengungen und Ausschlüssen. Deshalb machen Leute wie André Agassi der Frau den Heiratsantrag unter einem Wasserfall.

Der primäre Lebensraum befindet sich im Zustand eines chaotischen, multidimensionalen Gleichgewichts in dem Sinne, daß dadurch unabsehbar viele Existenzweisen aktualisiert und beziehungsreich zusammenspielen. Unter dem Motto "Das gesunde Herz tanzt" ist der Lebensraum fraktaler Natur. Der chaotische turbulente Zustand, der zunächst als Zerfall von Ordnung erscheint, ist ein Zeichen für die unendlich tiefen inneren Zusammenhänge.

VII. Lebensräume brauchen Intensitäten

Raum ist kein Kontinuum. Lebensräume haben einen Beginn, ein Eröffnungserlebnis, einen Aufbau, ein Haltbarkeitsdatum und einen Verfall, wodurch sie sich wieder legen, auflösen, einziehen, verschwinden oder in andere Räume umbrechen. Lebensräume sind diskontinuierliche, in sich geschlossene, jeweilige Ganzheiten. Dabei gilt: je intensiver das Leben, je mehr tritt diese Diskontinuität auf. Erst wenn das Erleben abflacht, entsteht der Eindruck eines an sich kontinuierlichen Lebens. Wie Lyotard sagt: "Wenn die Intensitäten zu Intentionen werden, betritt man den Raum der Repräsentation. Und die Intensitäten werden immer dann zu Intentionen, wenn sie sich im Mittelmäßigen, im Normierten, im Gesprochenen halten. Darin liegt die Duckmäuserei, das Herdentum des Abendlandes: der Triumph des Intelligiblen, d. h. des Austauschbaren." 34

Ein intensiv gefeiertes Fest, intensive Begegnungen, intensives Leben entfaltet seine eigene Wirklichkeit und damit sein eigenes "Raum und Zeit". Deshalb sind intensive Erlebnisse in unserem Leben nur nebeneinander gegenwärtig. Sie sind durch Erlebnissprünge voneinander getrennt. Intensität ist die Absage an die Vorstellung von Leben als schöne Abfolge in einem kontinuierlichen Raum. Wir müssen also lernen, die Raumdynamik unserer eigenen Erlebnissituationen zu entfalten. Dazu gehört, daß wir die schon ausgelegten und vorgestellten Horizonte immer wieder einholen und den Raum ganz aus unserem Tun heraus entfalten. Dazu gehören Schnitte, Einschnitte, Existenzumbrüche, Entschiedenheit auch im Räumlichen. Dazu gehört eine Konzentration, die volle Aufmerksamkeit schenkt. Der scheinbar allgemeine Raum und die scheinbar allgemeine Zeit werden eingeholt und gehen durch unser Leben erst hervor, so daß sie nichts mehr sind als unsere Arbeit, ein Spaziergang, Essen oder Sex. Auf diese Weise ist wieder "Ganzheit" möglich. Aber endlich und konkret.

Intensitäten unterbrechen den vorgegebenen Alltag. Intensiver Raum ist generierend, ein Innehalten, das ein simultanisierendes, freies Spiel der Kräfte zuläßt. Dem entspricht ein Anerkennen, daß schon immer mehr im Spiel ist, als das, was wir persönlich wollen. Das ist Befreiung aus einseitiger, nur intentionaler Lebensweise. Aber nicht, um lasch abzuspannen, sondern es bedeutet "schöpferisches Innehalten". 35 Ein Zustand höherer Sensibilität durch die wir ins Zentrum unserer Organisation vordringen. Ein Zustand, in dem sich unsere Situation von sich aus organisieren und gestalten kann. Wovon man wieder ausgehen kann. Es ist ein Raum der "fruchtbaren Leere" wie die Gestaltpsychologie das nennt, es ist "Nur-Prozeß" 36 und es ist die Stelle in unserem Lebensalltag, worin wir Konfusion in Klarheit verwandeln und jeder Weiterentwicklung den nötigen Raum zur Verfügung stellen. Diese Stelle fliehen wir meistens, weil da alles zugelassen ist und zunächst einmal chaotisch auf uns einstürzt.

Diese offene Stelle bedeutet, Freiheit, Schutz, Schonung, Schönheit kommen lassen, Raum, wodurch etwas erscheinen kann, worin Entfaltung möglich ist. Dieser Raum gehört niemandem. Das hat netterweise wohl auch Eugen Drewermann im Sinn, wenn er, im Hinblick auf eine effektive Psychotherapie, sich für Erlebnisräume ausspricht, in denen Menschen "ohne Vorverurteilung und ohne starres Normensystem" 37 sich korrigieren können. Aber das höchste Menschenglück besteht nicht darin, daß sie sich irgendwo vorurteilsfrei ausweinen können, vielmehr in der Möglichkeit, sich diesen Freiraum selbst zu erkämpfen und dadurch die eigene Wirklichkeit sich selbst auswirken zu lassen.

VIII. Das Mehr als wir denkenoder Die Dimension Raum

Wenn wir eine Sache angehen, sind wir geneigt, sie direkt anzugehen und zu bewältigen. Meistens geht dann nichts mehr. Immer wieder waren Menschen verzweifelt, weil sie ein Problem nicht lösen konnten, und berichten, wie sie etwas taten, was sie sonst nicht taten. Sie gingen spazieren oder nahmen ein Bad, verreisten, wechselten den Ort, das Outfit oder die Lebensgewohnheiten. Dabei kam es zu Lösungen, die völlig überraschten, weil sie dort nicht vermutet wurden. Gerade das Zulassen der alltäglichen Umwelt, die vorher so sorgsam ausgeklammert wurde, trug zur Lösung des Problems bei. Dieses Phänomen wird immer wieder vergessen. Rilke hat etwa seine Duineser Elegien Frauen gewidmet, die ihm jahrelang den Raum für das Entstehen offengehalten haben. Durch Briefe, Unterstützung, vor allem aber entgegengebrachtes Vertrauen. Als Symbol für diesen unsichtbaren Raum steht auch die Siegesgöttin Nike, die dem Sieg voranfliegt. Motto: "Ich glaub' an Dich."

Raum durch uns durch

Weil es für uns nichts "an sich" gibt, weil auch eine Sache "an sich" nicht nehmbar wäre, braucht es die Umstände, einen Kontext, Umgebung, also Raum. Die Umstände einer Sache sind ihr Raum. Deshalb inszeniert man ein Treffen, macht sich Umstände und bindet es ein. Jede Kultur hat dabei eigene Weisen dieser Umstände hervorgebracht. Die Amerikaner den "small talk", Japaner die kleinen Geschenke und die Teezeremonie, Tiroler den Obstler. Das ist jeweils das Mehr, das dem Anliegen Atmosphäre, Luft und den Möglichkeitsspielraum gibt. Zugleich werden mehr Existentialien aktiviert, als unbedingt erforderlich wären, und das macht, daß eine Begegnung greifen kann. Auch Zeremonien, Liturgien und Wallfahrten sind Strategien, die Raum zulassen bzw. so überhaupt erst erzeugen. Man versteht eine Wallfahrtskirche nicht, wenn man nicht die dazugehörige Landschaft erfährt.

Wenn man etwas beginnt, braucht man zunächst ein Umfeld. Nietzsche, Rilke, Picasso, die Gebrüder Mann suchten Landschaften, Orte, Städte und Milieus, die ihnen zuträglich waren, die Schwingungen hatten, inspirierten und öffneten. Das wird meist vergessen: Umfelder können töten.

Noch jeder Bewohner inszeniert sein Wohnzimmer und trägt der Vieldimensionalität, Weite und Offenheit seines größeren Lebensraumes Rechnung, indem er die ansonsten getrennten Bereiche zusammenbringt. Er vergißt nur die dazugehörende räumliche Dimension. Man kann die Geschichte unserer Zivilisation auch als eine Reduktionsgeschichte lesen, in der große, belebte und gelebte Räume immer mehr schrumpfen und auf Objekte zentriert werden - der Rückgang des Lebensraumes von kosmischer Weite in den Kopf eines Subjektes.

Hülle, Badewanne, Netzwerke, Leib, Situation sind die Räume zu unserem Körper. Atmosphäre ist der Raum, der über die bloße Ansammlung von Dingen hinausgeht. Mit Kosmetik, Kleidung, Wohnung, Sprache, Musik, können wir unseren "Wärmeorganismus" 38 ausdehnen, um darin frei zu werden. Der visuelle Raum ist eine Abstraktion eines vitalen kosmischen Raumes. Wenn man den zuläßt, erfährt man, wie Raum durch uns durchgeht, spürt, fühlt und begreift, daß unser Körper und unser Dasein schon viel weiter außen anfängt. 39

"Bin" des "Ich bin"

Es ist eigentlich nicht zu glauben, in wie drastischer Weise heute Natur zur bloßen Umwelt geworden ist und als "Draußen" erlebt wird, wie diese Umwelt nur noch als "Störgeräusch" wahrgenommen wird und auf "Informationen" reduziert wird, die unseren kommunikativen Selbsterregungsprozeß stören. Norbert Bolz beispielsweise sagt: "Es ist nicht die Natur selbst, die uns Nachrichten über ihren Zustand gibt. Sie liefert nur Daten. Erst die Kommunikation produziert Informationen, indem sie eigene Unterscheidungen auf diese Daten anwendet." 40

Damit stellt sich der Mensch auf die Ebene von Organismen, die keine Welt, sondern nur Umwelt haben oder auf die Ebene von Computern, die nur Informationen verarbeiten.

Für den begreifenwollenden Begriffsmenschen reduziert sich Wirklichkeit ständig auf einen Inhalt, der auf jeden Fall kleiner ist als sein Horizont. Wenn man die Dimension Raum zuläßt, wird die Welt größer, unbekannt, offen und man empfindet sich als Teil davon. Es geht darum, "das Denken von einer Logozentrik zu befreien, die in der reinen Selbstgegenwärtigkeit des Gedachten alle Spuren seines Antriebs auslöscht". Denn dieser Antrieb als "Anspruch, auf den das Denken antwortet, ohne ihn erledigt zu haben, verhindert, daß das Denken immer nur bei sich selbst bleibt, welche dialektischen Abenteuer es auch durchgemacht haben mag". 41 Das beinhaltet ein Zulassen des Körpers, der Ernährung, der Natur und sämtlicher Möglichkeiten einer "extension of man" wie das McLuhan nennt.

Raum ist das Medium, das durch uns durch geht. Es ist das "Bin" des "Ich bin". Daß man das nicht in Absetzung und Gegenstandsverhalten erfährt, sollte klar sein. Dennoch sei an die vielen Zeugen erinnert, die ihre Umgebung nicht als Störung empfanden. Einfach, weil sie sich positiv betroffen fühlten und weil sie sich mit Emphase in ihre Umgebung hinein warfen.

IX. Kunst oderBerlin muß gelüftet werden!

Kunstwerke sind Teile von Kommunikationsstrukturen. Keine Dinge an sich. Vielmehr gebundene Beobachtungen, Weisungen, Möglichkeiten: "Die Funktion der Kunst ist es, der Welt eine Möglichkeit anzubieten, sich selbst von ausgeschlossenen Möglichkeiten her zu beobachten." 42 Kunst kann dabei ständig Übersehenes und Übergangenes in Erinnerung rufen. Sie kann Nuancen gegen allzu grobe Unterscheidungen aufzeigen. Sie kann nicht oder noch nicht realisierbare Zustände vorwegnehmen. Sie kann kritische Distanzen schaffen und sie kann innerhalb unserer Welt einen Bereich von Möglichkeiten erzeugen, worin Selbstentfaltung scheinlicher wird. Im Unterschied zu "Objektkunst" können wir das als "Weltkunst" bezeichnen.

Sprechen, erscheinen und darstellen

Da es mehr um die Zustände von Welt geht, und weniger um einzelne Objekte, sind Dinge interessant, die offen sind, unfertig und, wie die gesündere Margarine, ungesättigt. Es sind Dinge, die den Stoffwechsel anregen, weil sie Löcher haben, rohe Seiten und freie Bindungsarme. Im Gegenstandsbereich sind das Halbzeuge, die erst durch einen kommunikativen Prozeß ihre eigentliche Form entfalten. Kommunikative Objekte gehören deshalb einer anderen Klasse von Wirklichkeit an. Sie sind nicht in einfacher Relation aufeinander bezogen, sondern verweisen auf einen Prozeß, durch den die Wirklichkeit um "eine Stufe wirklicher" (Sloterdjik) erscheint.

Daß aber die bloße Bezogenheit noch keine Kommunikation ergibt, hat zum Beispiel Luhmann ausführlich dargestellt. 43 Kommunikation kann nur funktionieren, wenn die Teilnehmer "von einem System höherer Ordnung abhängig werden, unter dessen Bedingungen sie Kontakte miteinander wählen können." Die höhere Ordnung hat Ereignischarakter sowie einen umlaufenden Prozeß, über den sich lose und fest gekoppelte Elemente als Medium und Form zugleich darstellen. Durch diese Virulenz der Kommunikation öffnet sich erst Raum, Form, Wahrnehmung usw.

Unser liebes Hausschwein

Der Künstler geht also von einer Komplexität aus, die der Wirkungsweise des Lebens nahe liegt. Kunst machen, Produzieren, Ausstellen bedeutet so gesehen: Generieren und Operieren in einem emergenten, hochenergetischen Medium. Das Einbringen der künstlerischen Elemente spricht das System höherer Ordnung an und bringt die vorhandenen Sachen in einen momentanen Kommunikationszusammenhang. So entsteht eine temporäre Einheit aus einander gleichgestellten Partnern - aus Lebewesen, Materialien, Dingen und Beziehungen. Das Kommunizieren befreit das Vorhandene aus den degradierten Zuständen des bloß Materiellen, bloß Dienlichen und Nützlichen und bringt es mit dem Menschlichen in einen Zusammenhang. So wird aus der unmittelbaren Umgebung etwas Sprechendes, Erscheinendes, sich Darstellendes. Die Objekthaftigkeit geht dabei über in einen medialen Zusammenhang und das Kunstobjekt im engeren Sinne fungiert als Kommunikator.

Damit diese Kommunikation gelingen kann, muß eine andere Art des Objektseins vorausgesetzt werden. Ähnlich den gemalten Pixels bei Cézanne sind die einzelnen Werkstücke Bausteine, die ein größeres Kunstwerk evozieren. Das ist eine Befreiung aus der gewohnt engen Blickpyramide. Die Kunst besteht hier darin, eine komplette Situation zu aktivieren. Sie besteht darin, den Blick nicht, wie üblich, an das Objekt zu fesseln, vielmehr freilassend, einarbeitend, klärend und entfaltend Gegenwart zu ermöglichen.

Wer die documenta X 1997 gesehen hat, wird künftig auch unser liebes Hausschwein samt Familie und dazugehörendem Lebensraum zur Kunstszene zählen müssen und selbstverständlich auch Kochen und Bewirten sowie psychologische und medizinische Betreuung durch Ärzte und Schwestern, und es ist abzusehen, daß weitere gesellschaftliche Bereiche und Disziplinen in Zukunft von der Szene erfaßt werden. Das wird so sein, weil immer deutlicher wird, daß wir in "Lebensnetzen" leben, und alles in Zusammenhängen und dynamischen Prozessen existiert.

Das erklärt das heutige Interesse am anschlußfähigen, nicht gesonderten Kunstwerk, das sich zu größeren Netzwerken und Werknetzen, zu Komplexen, die der Komplexität "Leben" entsprechen, verknüpfen läßt. Deshalb interessieren Rahmenbedingungen, Kontexte und konkrete Situationen. Und deshalb arbeiten auch Kuratoren heute nicht mehr als singuläre Größen, sondern sind eng vernetzt. Ständiger Dialog und viele sich wandelnde Teams bekunden das neue Interesse an einer "Verbandelung der Dinge", der "Überwindung der Genregrenzen" und einer "Auflösung der angestammten Rollen". 44 In diesem Sinne muß Berlin gelüftet werden.

Anmerkungen:
1.) A. Einstein, Vorwort zu: M. Jammer, Das Problem des Raumes, Darmstadt 1980
2.) A. Gosztonyi, Der Raum: Geschichte seiner Probleme in Philosophie und Wissenschaften, 895, Freiburg/München 1976
3.) J.-P. Sartre, Das Sein und das Nichts, 548, Reinbek 1962
4.) M. Heidegger, Sein und Zeit, 111, Tübingen 1979
5.) J.-P. Sartre, a. a. O., 548
6.) B. Waldenfels, In den Netzen der Lebenswelt, 184, Frankfurt/M. 1985
7.) Peter Sloterdijk, Medien-Zeit, Stuttgart 1993
8.) vgl. Medard Boss, Grundriß der Medizin und der Psychologie, S.275, Bern 1975
9.) Sloterdijk, a. a. O.
10.) ebd.
11.) A. Warhol, Die Philosophie des Andy Warhol, 143 f., München 1991
12.) Th. v. Uexküll, Einleitung zu J. v. Uexküll, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, Frankfurt/M. 1983
13.) M. Foucault, Andere Räume, in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, 37, Leipzig 1993
14.) R. Safranski, Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit, 186, München 1994
15.) N. Goodman, Weisen der Welterzeugung, Frankfurt/M.1984
16.) A. Warhol, a. a. O., 155
17.) D. Becker, Ohne Grund, FAZ 28.06.1989
18.) FAZ 01.02.1995
19.) Th. Jahn, ZEIT 12.01.1996
20.) A. Tabucci, ZEIT 13.10.1995
21.) J.-P. Sartre, a. a. O., 884
22.) P. Virilio, Fahren, fahren, fahren, 29, Berlin 1978
23.) B. Sonna, James Turell. Licht bis zur Schmerzgrenze, Süddeutsche Zeitung 245/1995
24.) Kunstforum International Bd. 132/1996
25.) J. v. Uexküll, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, Einleitung, a. a. O.
26.) D. Hoffmann-Axthelm, Stadtbauwelt 24/1991
27.) J. Miller, Die Leidenschaft des Michel Foucault, 360 f., Köln 1995
28.) V. Flusser, Virtuelle Räume - Simultane Welten, Arch + 111
29.) N. Bolz, Das kontrollierte Chaos, 22, Düsseldorf 1994
30.) M. Eliade, Das Heilige und das Profane, 124, Hamburg 1957
31.) J. Briggs / D. F. Peat, Die Entdeckung des Chaos, 296, München 1990
32.) K. Kerény, Antike Religion, 47, München 1971
33.) P. Sloterdijk/O. Stone, 60 Schläge per Minute, in: Tempo, Nov. 1994
34.) J.-F. Lyotard, Intensitäten, 29, Berlin 1978
35.) D. F. Peat, Der Stein der Weisen, Hamburg 1992
36.) F. Perls / P. Baumgardner, Das Vermächtnis der Gestalttherapie, 126, Stuttgart 1990
37.) E. Drewermann, Über-Ich in Schwarz, Ideen für ein neues Jahrtausend, Beilage der Süddeutschen Zeitung, 31. 01. 1996
38.) M. McLuhan, 191, Die magischen Kanäle: Understanding Media, Dresden/Basel 1994
39.) J.-P. Sartre, a. a. O., 575
40.) N. Bolz, Das kontrollierte Chaos, 145, Düsseldorf/Wien 1994
41.) F. Balke, Horchen auf das, was zu denken gibt, FAZ 20.01.1996
42.) Baraldi u.a., GLU, Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/M. 1997
43.) N. Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M. 1997
44.) Den Künstler schütteln, ZEIT, 16.04.1998